Das Schweigen der Politiker

Eine Haltestelle der U5 im Bereich des Hartzloh sei wichtig für Barmbek-Nord, dies habe „städtebauliche Gründe“, hört man von SPD und Grünen. Die vielen Gründe, die dafür sprechen, müsse man nicht „wiederholen“, heißt es. Gibt man sich mit dieser pauschalen Aussage nicht zufrieden und bittet um eine Erläuterung – herrscht Schweigen. Auf die Frage, warum konkret (!) die Südvariante der U5 („Barmbeker Beule“) so wichtig für Barmbek-Nord sei, dass sie per Beschluss vom Bezirk gefordert wird, bleiben die verantwortlichen Politiker ruhig sitzen, keiner kommt ans Rednerpult. Schweigen.

Anders Bezirksamtsleiter Harald Rösler: Als die Hochbahn am 19. September 2016 im Hartzloh eine jahrelange Großbaustelle versprach, nahm er kein Blatt vor den Mund. Er sprach von „Aufwertung der Fuhle“, träumte gar von einem „Boulevard“, der hier entstehen soll. Vor diesem Hintergrund scheint klar, warum die Politker nun so beharrlich schweigen. Eine Aufwertung im Investoren-Sinn bedeutet auch: Spekulationen, steigende Mieten, Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung, – kurz unter dem Stichwort „Gentrifizierung“ bekannt. Damit möchte keiner in Verbindung gebracht werden.

Ausgrenzung oder Schmelztiegel?

Barmbek-Nord leidet schon seit Jahren darunter, dass durch die vielen Neubauprojekte die Mieten explodieren und sich bereits einige solvente Neu-Barmbeker durch die „armen“ Alt-Barmbeker gestört fühlen. Wenn sich neue Quartiersvereine abschotten, kann man den Eindruck bekommen, die Fuhle verlaufe gleich einer Grenze durch den Stadtteil. Der Wochenmarkt am Hartzloh ist daher eine sehr wichtige Sozialachse, denn hier kommen alle zusammen, hier ist ein Schmelztiegel.

Genau hier will der Bezirk ansetzen und Investoren anlocken – der Bau einer U-Bahn verspricht den Spekulanten enorme Renditen und entfacht bei manchem Politiker Fantasien von einer Luxus-Fuhle, auf der gut betuchte Neu-Barmbeker flanieren. Ein schönes Bild, aber was wird aus den Menschen, die heute hier leben? Bereits jetzt wird von drastischen Mietsteigerungen und dreisten Staffelmieten bei Neuvermietung berichtet – wohlgemerkt im alten Wohnbestand. Das ist der SPD im Bezirk durchaus bewusst. Noch vor drei Jahren kam eine Untersuchung zur Einführung einer sozialen Erhaltungsverordnung in Barmbek zu dem Ergebnis, diese sei nicht gerechtfertigt. Anfang dieses Jahres gab die aber SPD bekannt, die Mietsituation jährlich neu bewerten zu lassen, und die Entwicklung weiter im Auge zu behalten.

Seitdem bekannt wurde, dass am Hartzloh eine U5-Haltestelle entstehen könnte, scharren die Spekulanten mit den Hufen, Preise für Neubauwohnungen gingen durch die Decke, Alteigentümern wird der Verkauf nahegelegt, es fehlt an Platz im eng bebauten Stadtteil. Hier ist eine sozialverträgliche Stadtentwicklung mit Fingerspitzengefühl gefragt, um die sich überhitzende Entwicklung nicht eskalieren zu lassen.

Wie wichtig ist die U5 für Barmbek-Nord?

Zwischenzeitlich hat die Hochbahn bekanntgegeben, am 21. Dezember eine Entscheidung zwischen der kürzeren Nordvariante und der längeren Südvariante mit einer Haltestelle am Hartzlohplatz an der Kirche Sankt Gabriel zu treffen. Der Bezirk hatte eine Haltestelle direkt an der Fuhle auf dem Wochenmarktgelände favorisiert, alles andere würde Barmbek-Nord nicht „angemessen“ erschließen.

Die einzig verbliebene mögliche Haltestelle am Hartzlohplatz stößt auf wenig Begeisterung im Bezirk. Thomas Domres, Vorsitzender der SPD-Fraktion Nord, erklärte gegenüber dem Abendblatt, der Standort sei gut geeignet, weil er auch Teile von Wandsbek (sic!) an die U5 anbinde. Geht es jetzt nicht mehr um Barmbek-Nord? Was ist mit der angestrebten Aufwertung? Domres: „Rund um den Hartzlohplatz stehen überwiegend Häuser von Genossenschaften, die spekulieren nicht.“

Die Frage bleibt offen: Welche städtebaulichen Ziele verfolgt der Bezirk genau an dieser Stelle in Barmbek-Nord? Warum sind diese Ziele dem Bezirk einen 200-Millionen-Euro-Umweg der U5 wert? Die Steuerzahler und vor allem die von der Planung betroffenen Menschen haben ein Anrecht auf eine nachvollziehbare Begründung.

2 Gedanken zu „Das Schweigen der Politiker

  1. „Gentrifizierung“. Ich würde es nicht so nennen. Ich würde es Veränderung nennen. Und diese Veränderung wird kommen, ganz egal ob und wo eine U5 gebaut wird. Neue Menschen werden nach Barmbek ziehen. Ehemalige Barmbeker kommen zurück oder Barmbeker ziehen aus einer anderen Ecke zur Fuhle. Wieder andere werden Barmbek verlassen und wegziehen.
    Ich selbst wohne seit über 10 Jahren direkt an der Fuhlsbüttler Straße. Ich habe gemeinsam mit meiner Familie die Veränderungen miterlebt, den Bau vom Quartier 21, den Umbau der Fuhlsbüttler Straße, die vielen Neubauprojekte oder die Neugestaltung des Spielplatzes am Wochenmarkt usw. Auch wir waren anfangs skeptisch. Aber am Ende hat es sich doch immer zum Positiven verändert. Und es ist auch schön, dass sich etwas verändert. Manchmal muss man Veränderungen auch zulassen und dafür bereit sein und nicht immer nur dagegen angehen.
    Veränderungen muss man kritisch begleiten und seine Meinung sagen. Und wenn es sich lohnt, dann muss man auch etwas dagegen tun. Und das hat die Bürgerinitiative wunderbar und sehr erfolgreich gemacht.

  2. Das Leben ist Veränderung, das gilt auch für unseren Stadtteil. Die Frage ist also nicht ob, sondern wie (und wie schnell) sich Barmbek-Nord verändert, ob die getroffenen Entscheidungen und geplanten Maßnahmen also gut für den Stadtteil sind.

    Natürlich kann man einen alten Arbeiterstadtteil, indem man „nicht tot überm Gartenzaun hängen“ will (Zitat eines Punks, der Obdachlosigkeit einer Wohnung in Barmbek stets vorziehen würde, wie er der Mopo noch vor wenigen Jahren anvertraute), in ein teures Bessere-Leute-Viertel wandeln wollen. Das geschieht andauernd, von Brooklyn über Kreuzhain bis Ottensen – und jetzt eben Barmbek-Nord. Statt schrottigen Fiestas sieht man jetzt flotte BMWs auf Fußwegen stehen und immer öfter auch Porsche, das übliche Bild südlich und westlich des Stadtparks.

    Und genau das nennt man Gentrification, wenn nämlich die Bewohner eines Stadtteils die steigenden Mieten weder bezahlen, noch günstigeren Wohnraum in der Nachbarschaft finden können: Verdrängung der angestammten Bewohner an den berühmten Rand. Eine vormals 200-€-Wohnung, ~30 m², jetzt 600 € mit Staffelmiete (Hartzlohplatz) ist schon jetzt keine Ausnahme mehr, aber längst nicht das Ende der Fahnenstange.

    Nun, Wohnraum ist nicht nur in Hamburg knapp, hier ist es aber besonders drastisch und der Wettbewerb entsprechend hart; das weckt Begehrlichkeiten und so wurde schon mancher reich (im Falle der Neubauten an der Ringbrücke übrigens ein Politiker), wo zwar Sozialwohnungen geplant, dann aber teure Eigentumswohnungen gebaut wurden. (Überraschung: es sind _nicht_ die Barmbeker, die hier profitieren).

    Also: Maßnahmen müssen _sinnvoll_ sein (das gilt erst Recht für ein Jahrhundertprojekt wie eine neue Bahnlinie), und sie muss _sozialverträglich_ sein (Schutzgüter Mensch und Umwelt). Beides ist für eine Haltestelle im Hartzloh-Viertel nicht gegeben, ganz im Gegenteil. Und darum ist es richtig, wichtig und gerechtfertigt, dass sich Barmbek-Nord gegen die geplanten, massiv in unseren Wohn- und Lebensraum eingreifenden Maßnahmen zur Wehr setzt, so gut und so lange dies möglich ist, *um besseren Lösungen Raum zu verschaffen*.

    Dass dies möglich ist, hat die Bürger-Ini gerade von der Hochbahn bestätigt bekommen: die Option „Nord-Variante“ hätte es sonst nämlich gar nicht gegeben. Also: lasst uns gemeinsam nach der besten Lösung suchen, auch gegen die finanziellen Interessen von Investoren oder den hochtrabenden Selbstverwirklichungs-Plänen (Fuhle-Boulevard) lokaler Polit-Größen.

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